Lühr Henken (Hrsg.) : Abrüsten statt Aufrüsten

Lühr Henken (Hrsg.) : Abrüsten statt Aufrüsten

Der Kasseler Friedensratschlag ist eine Institution, jedes Jahr im Dezember. Die hochkarätigen Vorträge dort werden im gehörigen Abstand von etwa einem Jahr auch in Buchform veröffentlicht. Das jüngste Buch bezieht sich auf den Ratschlag 2017. Leider sind die Themen immer noch aktuell, genauso wie die Forderung „abrüsten statt aufrüsten“. Die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes befassen sich nämlich mit der europäischen Militarisierung, mit Rüstungskonversion aus der Sicht der IG Metall, aber auch mit der neuen Rechten im Umfeld der Friedensbewegung. Im internationalen Bereich geht es vor allem um den Nahen Osten, vom Krieg im Jemen über Syrien und die Türkei bis nach Afghanistan. Die Autorinnen und Autoren sind durchweg seit Jahren bekannt in der Friedensforschung und -bewegung. Sie bemühen sich alle um verständliche Darstellung. Kurz, ein Buch zum Lesen und Nachschlagen! Lühr Henken (Hrsg.) : Abrüsten statt Aufrüsten, Jenior Verlag Kassel, 2018, 15€

Revolution als Realpolitik: Ernst Meyer (1887-1930)

Revolution als Realpolitik: Ernst Meyer (1887-1930)

Das Jahr 1914 lässt uns nicht in Ruhe! Wie kam es zur Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten – und vor allem, wie organisierten sich die Kriegsgegner*innen? Einer dieser Kriegsgegner war Ernst Meyer (1887-1930), ein Schüler Rosa Luxemburgs, studierter Nationalökonom und Psychologe. 1914 war er Vorwärts-Redakteur – doch dem SPD-Vorstand ging seine Kriegsgegnerschaft zu weit, er entließ ihn 1915 satzungswidrigerweise und nahm sogar die Polizei in Anspruch, ihn am Betreten seines Arbeitsplatzes zu hindern. Wie organisiert man Antikriegsarbeit ohne Presseorgan? Man schreibt Flugblätter und hektografiert Broschüren. Meyer gehörte zu den großen Organisatoren dessen, was die Gruppe Spartakus werden sollte (der Name stammt von ihm). Liebknecht und Luxemburg waren ja wahlweise an der Front und im Gefängnis. Meyer vertrat Spartakus auf den internationalen sozialistischen Friedenskonferenzen in Zimmerwald und Kienthal. Kriegsende – Rätebewegung – Parteigründung: Meyer war immer im Zentrum, von 1919 bis 1923 im Vorstand der KPD, auch Vorsitzender. Sein Leben in dieser Zeit entsprach der „Parteilinie“, die eher eine Serpentine war: zunächst vertrat er „ultralinke“ Positionen und war verantwortlich für die „Märzkämpfe“ (blutiger Arbeiteraufstand im Raum Halle). Nach einem Schwenk der Komintern bekannte er sich aber zur „Einheitsfront“ mit den anderen Arbeiterparteien SPD und USPD. Er blieb dieser Linie treu, als die KPD selbst wieder nach links schwenkte, was ihn den Platz im Vorstand kostete. Die „Sozialfaschismusthese“ und die Stalinisierung der KPD unter Thälmann bekämpfte er – erfolglos. Hatte er vielleicht selbst die Voraussetzungen dafür geschaffen, als er aus der Partei einen monolithischen Block („Bolschewisierung“) schaffen wollte, auch wenn intern diskutiert werden durfte? Heutige Historiker verneinen diesen Vorwurf und sehen ihn eher auf der Linie von Rosa Luxemburg. Er starb 1930 an Tuberkulose. Ein spannendes Buch für alle, die sie für Geschichte und politische Theorie interessieren. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs (es handelt sich um eine umgeschroiebene Dissertation) ist es leicht zu lesen. Florian Wilde Revolution als Realpolitik. Ernst Meyer (1887-1930). Biographie eines KPD-Vorsitzenden UVK Verlag Konstanz und München 29€